Erwachsenenpädagogik in Hundeschulen

Ein an der Wand hängendes, professionell aussehendes Ausbildungszertifikat reicht nicht aus um sich als ein guter Hundetrainer aus weisen zu können. Im Idealfall sollte der Hundetrainer mit einer Zertifizierung einer öffentlich anerkannten Ausbildungsstätte seine Ausbildung und einer behördlich anerkannt Betriebserlaubnis nach §11 Abs.1 Nr.8f TierSchG nachweisen können.

Um seine Aufgabe als Hundetrainer fachgerecht zu erfüllen ist die Erwachsenenpädagogische Kompetenzen von Trainern in den Hundeschulen von herausragender Bedeutung. Trainerinnen und Trainer arbeiten auf den ersten Blick mit Hunden. Auf den zweiten Blick haben sie es aber auch mit Menschen zu tun, die Erwartungen haben, Widerstände zeigen und motiviert werden müssen. Um erfolgreich Menschen und Hunde zu einem Team ausbilden zu können, muss neben der Psychologie des Hundes auch die Psychologie des Hundehalters berücksichtigt werden, d.h. die jeweiligen Bedürfnisse, Herangehensweisen und Denkmuster. Fingerspitzengefühl, Leitungskompetenz und Wissen über das Lernen von Erwachsenen ist erforderlich, um Lernprozesse bei den Halterinnen und Haltern im Umgang mit ihren Hunden anzuregen.

In der Regel arbeiten in einer Hundeschule mehrere Personen in einer Gruppe zusammen (Kurse). Es kommen Einzelpersonen mit unterschiedlichen Erwartungen, Lebensvorstellungen und Werthaltungen zusammen. Damit die Gruppe gut arbeiten kann, muss aus den Einzelpersonen erst noch eine funktionierende Gruppe gebildet werden. Dies ist eine wichtige Aufgabe für den Hundetrainer/in, denn er oder sie hat es mit unterschiedlichen Charakteren zu tun. Alter und Erfahrungsstand der einzelnen Mitglieder variieren mitunter stark und auch implizite Hierarchien können wirksam sein, wenn etwa die Dauer der Gruppenzugehörigkeit variiert oder ein unterschiedlicher Kenntnisstand in der Hundeausbildung vorliegt.

Auch der jeweilige Lebenskontext und die Lebensführung spielen eine entscheidende Rolle, ob die Gruppe gut zusammen arbeiten kann und harmoniert. Die Teilnehmer befinden sich in einer jeweils anderen Lebenssituation, daraus resultierend andere Problem- und Interessenlagen, die es in der Hundearbeit zu berücksichtigen gilt. Es muss eine Passung hergestellt werden, die Gruppen müssen allerdings nicht unbedingt homogen gebildet werden, denn auch unterschiedliche Erfahrungshorizonte tragen zu einer Perspektiverweiterung bei.

 

1. Wie verlaufen Lernprozesse bei Erwachsenen?

Wenn die meisten Menschen an Lernen denken, denken sie gleichzeitig auch an oftmals frustrierende Unterrichtserfahrungen in der Schule. Noch vor einigen Jahren waren stundenlange Lehrervorträge bei denen man nur die Hälfte mitbekommt ganz normal. Klassische Lerntheorien, die noch bis in die 1980er Jahre in Unterrichtstheorien dominierten (und noch heute in vielen Köpfen existieren), zeichnen sich vornehmlich durch ein reaktives Lernverständnis aus, wonach Lernanlässe im Sinne eines Stimulus-Response-Modells als von außen herangetragen gelten, ganz nach dem Motto: ich erzähl denen mal was über Hundeführung, geb Input rein und dann haben sie es begriffen. Ein solches Lernverständnis greift allerdings zu kurz, denn „menschliches Lernen ist nicht auf Signal- und Reizreaktionsverhalten reduzierbar, sondern erfolgt auf der Ebene von Bedeutungszuweisungen Neuere lernpsychologische Forschungen gehen davon aus, dass Vermittlungsansätze zu favorisieren sind, die die Selbsttätigkeit der lernenden Menschen unterstützen. Auch wird danach gefragt, inwieweit Lernen eingebunden ist in soziale Prozesse und Bedeutungszusammenhänge. Der Lernende wählt nämlich aus einer Fülle an Informationen nur solche Reize aus, die in ihr/sein Schema passen und die anschlussfähig sind. Menschen hören in einem Vortrag nicht alles, was der Redner sagt, aus gutem Grund, denn eine solche Informationsfülle würde ihn hoffnungslos überfordern und überlasten.

Wir hören, was wir verstehen können, was in unser Schemata passt, was anschlussfähig ist, was uns brauchbar und >bemerkenswert< erscheint“. Lernen ist kein Transport des Wissens von A nach B, >Bedeutungen< können nicht linear mitgeteilt werden, sondern das System konstruiert seine Welt des Bedeutungsvollen Lernen wird besonders dann gefördert, wenn Mitbestimmung der Teilnehmer erhöht wird. Es wird besser gelernt, wenn die Inhalte als subjektiv bedeutungsvoll wahrgenommen werden.

Was bedeutet dies nun für die Vermittlungsarbeit im Zusammenhang der Hundearbeit? Nicht nur in der Schule, sondern grundsätzlich in jeder Vermittlungssituation ist es wichtig an die Bedeutungszusammenhänge der Teilnehmenden anzuknüpfen, die Lernenden im Mittelpunkt des Lerngeschehens zu stellen und die Lernenden bei der Ausgestaltung der Inhalte zu beteiligen, so dass diese sich mit ihren Vorstellungen und Lernbedingungen einbringen können. Lernen erscheint dann als anschlussfähig und nachhaltig, wenn es einen Bezug zur eigenen Lebenswelt, bzw. zu vorhandenen Wissensnetzen aufweist und wenn die Lerngruppe als angenehm und lernförderlich erlebt wird. Hierbei ist es erforderlich, aus den Einzelpersonen eine funktionierende Gruppe zu bilden.

 

2. Gruppenbildung

Je nach Gruppenphasen werden verschiedene Anforderungen an die Gruppenführung gestellt. Der Anfangsphase kommt eine besondere Bedeutung zu, da hier die einzelnen Teilnehmenden der Kursus sich ggf. noch nicht kennen, Unsicherheiten verspüren, was auf sie zukommen mag, und sich noch nicht vollständig öffnen. Für den Leiter/in einer Hundegruppe ist zu diesem Zeitpunkt wichtig, eine Struktur herzustellen und auf Regeln des gemeinsamen Miteinanders hinzuweisen: wie läuft das Training ab? Wie viel Zeit soll verwendet werden? Nach welchem System werden die Hunde nacheinander im Training eingesetzt? Etc. Die Klärung dieser grundlegenden Fragen ermöglicht eine angstreduzierte bzw. angstfreie Atmosphäre für Herrchen, Frauchen und natürlich die Vierbeiner. Die Teilnehmenden sollen sich in der Anfangsphase orientieren, miteinander in Beziehung treten und es soll ein wertschätzendes Klima gefördert werden. Dem Sicherheitsgefühl des Einzelnen muss am Anfang ausreichend Raum gegeben werden.

 

3. Probleme in der Gruppe erkennen

Sichtbar werden Probleme in der Gruppe, und damit auch ein möglicher Zusammenbruch der Gruppe, durch ein verändertes Verhalten der einzelnen Mitglieder. Das erste und auch offensichtlichste Signal ist das Teilnahmeverhalten. Nehmen einzelne Gruppenmitglieder nicht mehr regelmäßig an den Treffen teil, ist dies ein Indiz für eine Unzufriedenheit. Problematisch ist außerdem, wenn einzelne Mitglieder die Kommunikation dominieren, oder einzelne Mitglieder nicht miteinander kommunizieren. Auch die Bildung von Subgruppen und Fronten, Kerngruppe und Außenseitern können zu zunächst latenten und dann offenen Konflikten führen.

 

4. Kompetenzen der Gruppenführung

Damit Gruppen in der Hundearbeit gut arbeiten können, bedarf es einer kompetenten Gruppenführung. In der erwachsenenpädagogischen Literatur gibt es vielfältige Ausführungen zu den erforderlichen Kompetenzen für eine Gruppenleitung.

 

1. Fachkompetenz (berufsbezogenes fachliches Wissen und Können – das im Falle der Hundearbeit, Wissen über die Biologie und Psychologie des Hundes einschließt),

2. Arbeitsfeldkompetenz (Kenntnis über die Abläufe der Hundeausbildung) und

3. pädagogische Kompetenz.

Die pädagogische Kompetenz, die auch in der Hundearbeit zum Zuge kommt, gliedert sich auf in eine methodische Kompetenz, eine didaktische Kompetenz und eine Sozialkompetenz. Unter der methodischen Kompetenz versteht man die Fähigkeit, Fachinhalte zu vermitteln, Lernarrangements zu entwickeln, die den Bedürfnissen der Zielgruppe entsprechen. Wichtig ist die Kenntnis darüber, was das Lernen von Erwachsenen fördert und behindert, aber auch Sensibilität im Umgang mit lernenden Erwachsenen.  Gerade in der Hundeausbildung und Haltung ist es notwendig die ritualisierten Verhaltensweisen der Frauchen und Herrchen aufzubrechen, um neue Verhaltensweisen erlernen zu können. Auch die didaktische Kompetenz ist – obwohl die Hundearbeit nicht als klassische formalisierte Lernsituation zu verstehen ist, notwendig. Hierunter versteht man die Fähigkeit neue Inhalte aufzugreifen und didaktisch aufzubereiten. Die Fähigkeit, Lernziele aufzustellen, beschreiben, reflektieren und zu überprüfen. Besondere Bedeutung erhält die Sozialkompetenz. Diese Kompetenz ist wichtig für das soziale und kommunikative Geschehen in der Gruppe. Der Hundetrainer/in muss Kenntnis über emotionale und gruppendynamische Aspekte haben und gleichsam reflektieren können, dass auch die Gruppelleitung selber „als Individuen mit allen Teilen ihrer Persönlichkeit anwesend und involviert ist, und nicht nur mit den Teilfunktionen ‚Wissen weitergeben’ und ‚Wissen aufnehmen’ teilnimmt“.

 

Literatur

EPPING, Rudolf: 1998. Pädagogische Aspekte der Professionalisierung in der beruflichen Weiterbildung. In: Klein, Rosemarie/Reutter, Gerhard (Hrsg.):

Lehren ohne Zukunft? Wandel der Anforderungen an das pädagogische Personal in der Erwachsenenbildung. Baltmannsweiler. S. 46-53.

FAULSTICH, Peter/ZEUNER, Christine: 2006. Erwachsenenbildung. Eine handlungsorientierte Einführung in Theorie, Didaktik und Adressaten. Weinheim und München: Juventa.

LUCHTE, Katja: 2001. Teilnehmerorientierung in der Praxis der Erwachsenenbildung. Deutscher Studien Verlag. Weinheim.

SIEBERT, Horst: 2005. Pädagogischer Konstruktivismus. Lernzentrierte Pädagogik in Schule und Erwachsenenbildung. Weinheim und Basel: Beltz.