Ein Riese kämpft ums Überleben

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   Die Kroneneiche: „Lebenspfeiler“ im Wald und Zeitzeuge
aus längst vergangenen Tagen  

 In einem guten Mastjahr fallen etwa zwei Millionen Eicheln auf einem Hektar Eichenwald auf den Boden, mit einem Gesamtgewicht von rund vier Tonnen. Wie verschwenderisch die Natur doch ist, könnte man meinen, wenn man bedenkt, dass unter normalen Bedingungen nur 50 % der Eicheln zum Auskeimen kommen. 

Vor über 400 Jahren — geschätztes Alter der Kroneneiche — kam noch hinzu, dass man Schweine in den Wald trieb, die mit Eicheln gemästet wurden. Fast alle Eicheln wurden aufgefressen. „Erblickte“ dennoch ein Schössling das Licht der Welt, so habe er im wahrsten Sinne des Wortes „Schwein gehabt“ ! 

Hiermit begann er auch, der Kampf der Kroneneiche um das Überleben. Ein Kampf um Licht, Wasser und 

Nährstoffe und ständig die „Angst im Geäst“, dem Waldfrevel, der zu dieser Zeit noch betrieben wurde, zum Opfer zu fallen. Erst einige Zeit später wurde eine Forstordnung aufgestellt, an die sich jeder zu halten hatte. Tat er es nicht, wurden ihm schwere 

Strafen auferlegt. Diese bestanden z. B. darin, dass man ihm seine Axt wegnahm. Die Axt war demnach ein unentbehrliches Werkzeug, und könnte die alte Eiche sprechen, würde sie interessante Geschichten aus dieser Zeit erzählen.  

 Es war eine Zeit, in der nicht jeder Baum eine „Planstelle“ hatte. Auch gab es noch keine schützende Hand, welche die Bäume hegte und pflegte. Trotz des harten Daseinskampfes war für den Individualisten die Welt noch in Ordnung. Es gab keine Spur von Umweltbelastungen, und was kümmerte es die Eiche, als 1689 Russland zur europäischen Großmacht unter Zar Peter dem Großen aufgestiegen war und hundert Jahre später die Französische Revolution tobte?  Sie war noch jung zu dieser Zeit, voller Leben und stand weit ab vom Weltgeschehen—in einer Welt, in der Erfindungen und Kriege das Sagen hatten. Sie stand da, als wollte sie ein Loch im Weltganzen stopfen—und dennoch sollte diese Welt, die weit weg war, in ihrem Leben eine Bedeutung bekommen. 

Jahrhunderte hatte sie frostigen Wintern, Schneelasten, Stürmen, Trockenperioden, Hagel und Schädlingsplagen getrotzt, als im Frühjahr 1945 ein Hagel ganz anderer Art auf sie niederging. Es war der Kugelhagel der amerikanischen Besatzungsmacht, welche die mächtige und bizarr emporragende Eiche als Zielscheibe benutzte. Auch das hatte sie überlebt, wenn auch mit Schrunden und Narben und einem Alter von 400 Jahren. Sie stand da, wie die buchstäbliche deutsche Eiche. Zwei Jahre später sollte wieder eine Katastrophe über sie hereinbrechen.  Es war ein Waldbrand, der 1947 ausbrach und 100 Hektar Wald um sie herum verwüstete. Wie durch ein Wunder wurde die Methusalem—Gestalt von der Feuersbrunst verschont.  

Vor einigen Jahren noch war sie wegen ihres geschichtlichen und heimatkundlichen Wertes ein beliebtes Objekt für Schulklassen und Spaziergänger. Das Interesse an dem mächtigen Baum, dessen Äste mittlerweile mit Moos und Flechten bewachsen sind, wurde aber immer geringer. Dann und wann setzt noch ein müder Specht zur Landung auf einem seiner morschen Äste an, um sich Maden und Larven, die unter seiner Rinde wohnen und mit der Abbauarbeit begonnen haben, herauszupicken oder um sich eine Wohnung zu meißeln. 

Vielleicht zwei– bis dreimal im Jahr kommt noch ein Jäger vorbei um ruhige Abendstunden auf der Ansitzleiter zu verbringen. So steht die Eiche nun, behämmert, zerschunden, vernarbt, allein, kaum beachtet—und in wenigen Jahren ist sie tot. 

Besiegt vom Alter, Tausenden von Bakterien, Pilzen und Insekten, gefällt vom Sturm nach 400 und mehr Jahren. 

Aber über den Tod hinaus wird sie noch ein Lebenspfeiler im Ökosystem Wald sein. Erst in einigen Jahrzehnten, wenn Farnkraut und eine dicke Humusschicht nichts mehr von der Baumleiche erkennen lassen, hat sie ihre Funktion erfüllt. Bis dahin wird viel neues Leben aus ihr hervorgegangen sein. 

Selbst eine Genbank oder besonderes Saatgut werden einen solchen Baum, der mit unerschütterlicher Würde Jahrhunderte überdauerte, nicht mehr hervorbringen können. Ein Zeitzeuge aus längst vergangenen Tagen ist unwiederbringlich verloren. 

 

     Stockumfang 6,30 Meter, Höhe ca. 30 Meter 

 

 

 

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