Rehwild (Capreolus capreolus)

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Rehe sind bei uns die kleinste Hirschart, aber keinesfalls mit unserem Rothirsch verwandt. Sie werden zu den Trughirschen gezählt und sind somit näher mit den Elchen verwandt. Auch wenn sich der Kopfschmuck des Bockes in der Jägersprache als „Gehörn“ durchgesetzt hat, ist es ein richtiges Geweih. Es wird wie bei allen Cerviden (lat. cervus = Hirsch) jährlich abgeworfen, neu geschoben und gefegt. Das Geweih bei den ausgewachsenen Böcken hat in der Regel drei Enden. Das ausgewachsene weiblich Reh wird als Ricke bezeichnet. Ein einjähriges weibliches Stück, das noch keine Kitze gesetzt hat, wird Schmalreh genannt. Um eine Ricke von einem Schmalreh zu unterscheiden, bedarf es einer gewissen Erfahrung, um nicht das falsche Stück bei der Jagd zu erlegen. Das könnte für den Nachwuchs dramatische Folgen mit sich bringen. Ricken setzen in der Regel 1-2 Kitze, eher zwei, seltener auch drei.

 

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Fotos: pixabay.com/ Capreolus capreolus.

Die Brunft bei den Rehen, auch Blattzeit genannt, ist Ende Juli bis Mitte August. Ist die Ricke beschlagen, kommt es noch zur Spaltung der Eizelle, aber dann wird die weitere Entwicklung des Embryos eingestellt. Das ist die so genannte Eiruhe. Das hat den Hintergrund, dass bei weiterführender Entwicklung die Ricke ihre Kitze im Winter setzen würde und die hätten keine Überlebenschance. Diese Eiruhe erfogt von der Brunft bis in den Spätherbst. Nach 285 Tagen kommt dann der Nachwuchs im Mai / Juni zur Welt. Die Kitze werden unter Zweigen oder im hohen Gras abgelegt. Wenn jemand ein Kitz findet, Hände weglassen, das Kitz ist nicht verwaist, das wäre es aber, wenn es angefasst wird. Hier wird auch deutlich, wie wichtig die Leinenpflicht für Hunde während der Brut- und Setzzeit ist.

Feldrehe haben sich ihrem Lebensraum angepasst und verbringen das ganze Jahr über ihre Zeit in der Agrarlandschaft. Im Winter finden sie sich zusammen und mit etwas Glück kann man 30-40 Stücke, wie bei einer Rudelbildung, sehen. In den Wald- und Feldrevieren stehen sie den Sommer über häufig in den Getreideschlägen, wo sie reichlich Äsungsmöglichkeiten haben. Im Winter kommen dann vier oder fünf zusammen und bleiben es auch bis zum Frühjahr. Im Fachjargon nennt man das einen „Sprung“.

Beim Rehwild ist, wie bei allen Cerviden, der Geruchs- und Gehörsinn stark ausgeprägt. Dafür sieht es nicht gut. Ein Reh kann auf drei- bis vierhundert Metern einen Menschen über den Geruchsinn wahrnehmen. Es vernimmt auch das leiseste Knacken eines Astes. Trifft man ein Stück Rehwild an und hat seinen Hund dabei, z. B. einen Vizslador, kommt es zu einem interessanten Verhalten. Der Hund hebt den linken Vorderlauf an um anzuzeigen, ich habe was gefunden. Das Reh steht und äugt zu dem Hund, der Hund steht und schaut zu dem Reh. Sie schauen sich offensichtlich beide an, regungslos. Das Reh weiß, dass da etwas ist, es kann aber nicht den Hund erkennen. Wird der Hund nicht unruhig, kann das eine ganze Weile so gehen. Irgendwann setzt der Hund seine linke Pfote wieder auf den Boden und schon ist das Stillleben zu Ende, das Reh springt ab. Es hat die Bewegung wahrgenommen, es ist der Bewegungsreiz, auf den es reagiert. Der Vizslador bleibt selbstverständlich stehen, denn das hat er vom Welpenalter an trainiert. Man kann hierzu keine Empfehlung geben, es zu probieren, auf keinen Fall! Ein nicht trainierter Hund hätte Spaß an der Treibjagd.

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Fotos: pixabay.com/ Ricke und Bock während der Brunft

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Fotos: pixabay.com / Ricke mit Kitz

Rehwild ist ein Nahrungsselektierer. Sie sind sehr wählerisch was die Nahrungsaufnahme betrifft. Pflanzenfasern und Zellulose stehen nicht auf ihrem Speiseplan. Sie ernähren sich von Knospen, Trieben, Blättern, Eicheln, Blüten und Kräutern. Der Magen bei Rehen ist relativ klein, weshalb sie ca. 10-mal am Tag äsen müssen. Die Hauptäsungszeiten sind am frühen Morgen und in der Abenddämmerung.

Rehe tragen im Winter ein grau-braunes und im Sommer ein rot-braunes Fell. Das Geschlecht lässt sich einigermaßen leicht an dem weißen Fleck am Hinterteil, dem Spiegel, erkennen. Bei der Ricke ist er eher herzförmig und beim Bock nierenförmig. Das ist vor allen Dingen im Winter wichtig zu unterscheiden, denn der Bock wirft sein Gehörn ab.

Startfoto: Walter Bieck

 

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